Bindermichi

Photography, Cars & Technology

Jung, Unterfordert, Gleichgültig und Demotiviert

Angry Toast

By on 4. November 2009

Es gab eine Zeit, in der ich das, was ich beruflich mache gerne tat. In der Schule, im Studium, neben dem Studium, nach dem Studium. Ich tat es nicht wegen des Geldes, sondern wegen des erreichbaren Potenzials, der Möglichkeit an den von mir und an mich gestellten Aufgaben zu wachsen und mich weiter zu entwickeln.

Dann begann ich mein Arbeitsleben und dachte dabei nicht unbedingt an eine schnelle Karriere sondern freute mich auf meine zukünftige Weiterentwicklung. Das Anfangsgehalt von knapp 4500 DM war mehr als Ausreichend und die ersten Projekteinsätze stellten mich vor neue, aber nicht unmögliche Aufgaben. Gut, mein ersten Projekt beendete ich zum Unwillen meines Managers einen Monat zu früh, aber das kann ja jedem mal passieren.

Nach der Euroumstellung und der folgenden Preisanpassung sah mein Nettogelhalt abzüglich der Fixkosten leider nicht mehr so üppig aus, das “Einstiegsgehalt”, welches nach spätestens 24 Monaten in eine höhere Tarifgruppe Eingestuft werden sollte, erhöhte sich lediglich um die 2 – 3% Tarifanpassung. Die Neueinstufung konnte ich erst mit meinem dritten Manager durchsetzen, was zu diesem Zeitpunkt aber auch schon nicht mehr meiner aktuellen Qualifikation entsprach. Aber, das Geld war mir zu diesem Zeitpunkt nicht so wichtig. Jedenfalls, solange ich von meinem Gehalt die Rechnungen bezahlen konnte.

Weiterbildung, Förderung, Arbeitsmaterial war eine schwankende Währung und hauptsächlich von denen abhängig ist, die sie verteilten. Bei den einen war die Anschaffung eines 39€ “teuren” Mobiltelefons schon ein kleines Drama, bei den anderen reichte eine einfach Begründung für eine 10.000€ Schulung aus.

An einem gewissen Punkt trat ich, trotz aller Bemühungen, scheinbar nur noch auf der Stelle. Die Projekte wurden immer Anspruchsloser. Jedenfalls für mich, der desgleichen schon mehrfach durchgeführt hat. An neue Aufgaben war einfach nicht heran zu kommen. Es bleib für mich also nur der Weg in eine andere Position. Was mal leichter gesagt ist als getan.

Da ich während meiner letzten Projekte immer wieder mit der technischen Planung beauftragt war, entschied ich mich für eine Architekturposition. Hierzu wurden einige Schulungen und Projekte vorausgesetzt, alles musste schön dokumentiert sein und von einem Architekten Board abgesegnet werden. Klingt gut, hatte aber schon bei meiner Spezialisten Beförderung zu zwei Absagen geführt.

Begründung 1. Versuch: Ich wäre nicht spezialisiert genug.
Begründung 2. Versuch: Meine Kenntnisse wären nicht ausreichen breit genug gefächert.

Ich wusste also, was dort auf mich zukommt und bereitete alles vor. Mit meinem Manager wurden zu Jahresbeginn entsprechende Ziele vereinbart. Die Schulungen waren schnell abgeschlossen und die Dokumentation nach der dritten Überarbeitung schon abgabereif. Zum Jahresende hatte ich die vereinbarten ziele übertroffen, alle Dokumente lagen beim Architektur Board und meine Jahresbewertung war…

enttäuschend.

Es gab die gleiche durchschnittliche Bewertung wie jedes Jahr, und wie immer ohne Begründung. Gut, das ist jetzt nicht all zu tragisch. Aber wenn man Jahr für Jahr, völlig unabhängig von seiner Leistung immer gleiche bewertet wird. Während andere Kollegen für völlig selbstverständliche und anspruchslose Tätigkeiten belobigt und ausgezeichnet werden, ist man, und besonders ich, schon sehr gekränkt.

Ich kam mir jedenfalls vor, wie ein Wissenschaftler, der erlebt, wie sein Putzfrau den Nobelpreis für Chemie erhält, weil sie nen tollen Weg gefunden hat die Kaffeeflecken auf dem Boden wegzuwischen. Das mein Gehalt dabei im vergleich inzwischen eher dem der Putzfrau entsprach machte die empfundene Ungerechtigkeit nicht gerade kleiner. Aber wegen irgendeiner Ausrede war ein Tarifwechsel in die nächsthöhere Gruppe nie möglich. Ich wartete nur noch auf die “wegen dem Schlechten Wetter” Begründung.

Jedenfalls begann das neue Jahr. Ich erhielt einen neuen Manager und später dann auch ein schickes Zertifikat, welches mich als “IT Architekten” auswies. Dann legte der Konzern alle Tochterfirmen zusammen und strukturierte sich neu. Wegen der nun höheren Konzernanforderungen war der soeben erhaltene Zettel so gut wie nichts mehr wert, durch die Vereinheitlichung der Gehaltsmodelle verlor ich mal so eben ca. 19% meines Jahresgehaltes. Aber das war ja alles nicht so schlimm, denn die gnädige Geschäftsführung stellte eine Sonderzahlung von monatlich 8,9% zur Verfügung die nicht zum Tarifgehalt gerechnet wird, und somit bei Gehaltserhöhungen nicht angepasst wird.

Statt den Kopf in den Sand zu stecken orientierte ich mich also an der neuen Hürde, und plante meine Schulungen, um die neuen Anforderungen zu erfüllen. Nur passende Projekte mit der geforderten Größe und Dauer waren nicht zu finden. Wie ich feststellen musste lag das an den mir, durch die alten Strukturen, fehlenden Netzwerken im Konzern. Also habe ich jedes angebotene Treffen wahrgenommen und mit den Kollegen geredet. Diese wurden dann im Sommer ersatzlos gestrichen, was später dann mit der Wirtschaftskrise begründet wurde. Da saß ich also in einem Projekt, das mich, mal wieder, fachlich nicht weiter bringt und meine restlichen Schulungen waren inzwischen ebenfalls gestrichen worden.

Neues Jahr neues… Unglück und neuer Manager.

Mein altes Projekt konnte ich im Dezember endlich verlassen. Nachdem ich zwei Wochen lang das Ergebnis der Beratungsresistenz den Kunden wieder geradebiegen musste. “Wozu brauch wir ein Patch Management für Server? Die gehen doch gar nicht ins Internet!” Der nächste Kunde der mir diesen Satz entgegnet traktiere ich die Fresse mit einem Baseballschläger. Das ist immer noch angenehmer (jedenfalls für mich) als 300 Domaincontroller von einem Wurm zu reinigen, der da nie hätte draufkommen dürfen.

Jedenfalls hatte sich dieser Kunde wohl auch noch bei meinem Manager darüber beschwert, das ich ihn im laufe des Jahres mehrfach über diese und andere Lücken im Betrieb hingewiesen hatte, und unverschämter Weise auch noch Lösungsvorschläge hatte. Ja, genau! Wie kann ich nur (… meinen Job machen!) Unmöglich, so ein verhalten!

Das griff mein neuer Manager natürlich gleich auf, verpasste mir erst einmal einen schönen Einlauf, und lehnte in erster Amtshandlung mal zwei Schulungsanträge ab. Übrigens genau die beiden Schulungen, die mir für meine Zertifizierung fehlen und letztes Jahr schon gestrichen wurden.

Alles in Kombination hat jedenfalls erstaunliches bewirkt. Die Anzahl meiner grauen Haare nimmt stetig zu, was natürlich auch genetisch bedingt ist. Ich motiviere mich jetzt schon morgens mit dem Satz “So schlimm wirds heute bestimmt nicht werden”, um überhaupt aus dem Bett zu steigen. Die Ansprachen meines Managers gehen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Der Typ redet eh viel zu viel und viel zu lang um den Brei rum. Die aufgaben in den Projekten werden nach Schema F abgearbeitet, da die Kunden sowieso keine Denkanstöße oder Verbesserungen haben wollen. Mit den eigenen Vertriebsmitarbeitern rede ich kaum noch, da die noch nie auf, von mir angesprochene, Hinweise eingegangen sind, also warum sich die Mühe machen?

Das ist weder eine gute noch von mir gewollte Handlungsweise, aber mit der Zeit verliert man zuerst die Motivation und danach den Antrieb die Situation zu ändern.

Etwas interessantes zum Thema stand gestern in der Sueddeutschen Zeitung: Motivation und Belohnung – Geld macht faul

Hier wird davon ausgegangen, das durch steigenden Wert der Belohnungen die Bereitschaft zur Leistung sinkt, weil die Tätigkeit nicht mehr als Spiel oder Spaß angesehen wird. In einem vereinfachten Modell würde ich dem durchaus zustimmen. Mit den entsprechenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen würde ich meine Arbeit auch unentgeltlich ausführen. Was jedoch Motivation und Weiterentwicklung angeht würde ich in ähnliche oder gleiche Abhängigkeiten geraten die ich derzeit bewältigen muss, da diese nicht direkt mit meinem Gehalt zusammenhängen.

Was ich jedoch nicht bestreiten kann ist der Zusammenhang unseres Gerechtigkeitsempfinden mit der eigenen Leistungsbereitschaft. Wenn also ein anderer bei geringerer Leistung eine höhere oder auch nur gleichhohe Belohnung erhält empfinden wir dies als ungerecht und unsere eigene Leistungsbereitschaft sinkt. Wenn keiner Belohnt wird ist dies nicht der Fall. Wir empfinden dies als normal und leisten im gleichen Maße weiter.

Für mich heißt dies in letzter Konsequenz, dass ich mir selbst neue Ziele setzen muss die mich persönlich und fachlich weiterbringen und dabei keine Rücksicht auf meine Firma, Manager, Projektleiter und Kunden nehmen kann. Denn diese werden mir bei allen Entscheidungen nur im Weg stehen.

>> Titelfoto: Angry_Bread_Large von Psycholabs (wurde modifiziert)



3 comments on “Jung, Unterfordert, Gleichgültig und Demotiviert

  1. Hallo bindermichi,

    vieles kommt mir sooo bekannt vor. Für einige ist unsere Schubladen- und Hierarchiegesellschaft echt nicht leicht zu ertragen. Ich fühle mit Dir.

    Viele Grüße
    Roland

    PS: Meine Einladung auf ein Bier in Frankfurt steht noch.

  2. Hallo bindermichi,vieles kommt mir sooo bekannt vor. Für einige ist unsere Schubladen- und Hierarchiegesellschaft echt nicht leicht zu ertragen. Ich fühle mit Dir. Viele GrüßeRolandPS: Meine Einladung auf ein Bier in Frankfurt steht noch.

  3. Vielen Dank für diesen Text!
    Ich habe mich selbst darin wiedergefunden!
    Auch das Fazit am Ende sehe ich leider genau so!
    Meine Konsequenz wird sein, besseren Job suchen, kündigen, weiterbilden!
    Ich finde es sooo schade! Man ist zu Leistung bereit aber durch die Firma wird man demotiviert!

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